Berichte

Wo Anfang Oktober noch Sommer ist und OL ein Abenteuer sein kann

05. Oktober 2022

Eine Möglichkeit mitten im nassen & kühlen Herbst die schöne & warme Orientierungslauf-Sommersaison zu genießen, ist eine Reise zu den Brač Orienteering Championships auf der gleichnamigen kroatischen Insel. Von dieser Möglichkeit haben heuer Renate & Axel, Christine & Erich, Babsi & Boris sowie Frederic Gebrauch gemacht.

Von 30. September bis 02. Oktober 2022 haben sie 4 abwechslungsreiche Etappen erlebt, viel Sonne und wenig Regen auf der Haut gespürt und jede Menge Spaß gehabt. Wenige Tage in Dalmatien haben gereicht, das gute Gefühl, einen (weiteren) sportlichen Sommer-Urlaub in netter Gesellschaft verbracht zu haben, wieder aufzubauen.

 „Ist das klar, Junge?” – „Glasklar, Sir!“. Weder die Frage von Jack Nicholson, noch die Antwort von Tom Cruise haben etwas mit der unter der Herbstsonne glitzernden Adria zu tun, deren sanfte Wellen zärtlich die Küste der Insel Brač streicheln. Könnten sie aber. 

Möwen schreien, Badende auch. Ich sitze am Kiesstrand von Šupetar, plansche mit den Füßen im Meer und sinniere auch über diese Frage: Welches ist das intensivste Blau? Das azurbetonte des wolkenlosen Himmels? Das türkisangehauchte des Meeres oder die Hell-Dunkelblau-Kombination der gemütlichen Strandbar? Aus den Lautsprechern ertönen kroatische Schlager. Die Melodien haben einen leichten melancholischen Einschlag, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil die Musik der Soundtrack unserer letzten Minuten auf der Insel ist. In 35 Minuten legt die Fähre nach Split ab.

 

Foto: Kirche Sveti Petra, heiliger Postenstandort 

Drei Tage vorher treffen wir im Dorf Postira an der Nordküste von Brač ein und uns. Das Hotel unserer Wahl liegt direkt am kleinen, idyllischen Hafen. Boote liegen ruhig im Wasser, so wie wir in unseren Betten nach dem ersten, abendlichen und ausgiebigen Test der lokalen Wirtshauskultur.

 

Foto: Konoba Gustirna, die Taverne unserer Wahl in Postira

Der höchste Punkt in der Adria liegt auf Brač, sowie 780m über derselben und heißt Vidova Gora. Unweit dieses fantastischen Panorama-Platzes laufen wir die Etappen 1 und 2, das Ziel liegt jeweils in der abgelegenen, nur im Sommer bewohnten und bewirtschafteten „Alm“ Gažul, direkt zwischen den uralten Steinhütten der Schäfer und Viehzüchter. Der einzige Wald der Insel, der diese Bezeichnung verdient, ist sehr mediterran. Also sehr grün, sehr steinig, sehr fordernd. Während der Auftakt-Mitteldistanz kommen wir erstmals in Kontakt mit dem fremdartigen Gelände und verlieren immer wieder jenen zur Karte. Stunden später finden wir auf Meeresniveau den Weg zum guten Abendessen punktgenau und pfeilschnell. Es sind auch nur ein paar Meter vom Hotel bis zu unserem großen Tisch direkt am Pier.

Foto: Blick von Vidova Gora auf das goldene Horn und die Insel Hvar

Am zweiten Tag macht die Sonne Pause, wir ganz und gar nicht. Der Himmel über den Bergen der Insel ist fast schwarz und wirkt unheilverkündend. Als eine Art optische Pufferzone zum Grün der Büsche und Bäume der höheren Regionen wurde offenbar eine weiße Trenn-Schicht eingezogen. Milchig und dicht. Die Langdistanz-Etappe wird zur ganz großen Herausforderung, zum angewandten Kompass-Blindflug. Die Sache dürfte wirklich ernst sein, denn im Wettkampfzentrum ist nicht das rote Kreuz, sondern die Bergrettung anwesend. Der Wald ist zwar weiß, aber anders. Der Nebel schränkt die Sicht in diesem schwierigen Gelände weiter ein, in den halboffenen Bereichen mit Schotterfeldern und Stein-Dolinen geht sie gegen Null. Wir sind so mit dem Orientieren beschäftigt, dass wir die Tropfen der kurzen Schauer kaum registrieren. Wer Lust und vorreserviert hat, kann im Wettkampfzentrum nach der Nebelsuppe noch Wild-Gulasch zu sich nehmen.

 

Foto: Posten 100 in Postira 

600m tiefer findet am Nachmittag wieder der Sommer statt. Wir schieben bei 23 Grad Lufttemperatur am Strand von Postira eine ruhige (Boccia)Kugel, schwimmen im Meer, genießen das Insel-Leben. Kurz nach 19 Uhr bricht Dunkelheit über uns und Betriebsamkeit über den Ort herein. Auf der 3. Etappe schalten wir unsere Stirnlampen ein. Das Hauptabendprogramm bietet einen abwechslungsreichen Nacht-Sprint in Postira. Auch wenn es spät ist, vergessen wir danach nicht auf das gute Abendessen am Wasser.

Eine Straße führt von Postira rund 2 Kilometer ins Landesinnere. Wir fahren vorbei an Olivenhainen, Obstgärten mit Mandarinen und Zitronen. Auch blaue Trauben hängen schwer an ihren Weinstöcken und warten auf die Lese.

Das Tal verengt sich immer mehr, wird zu einem schmalen Canyon. Als die Bewohner von Brač noch Angst vor Piraten-Überfällen hatten, wurden auch Dörfer im größtenteils kargen Hinterland gegründet. Dol ist so ein Ort, 700 Jahre alt. Hier endet die Straße und hier beginnt der abschließende OL-Spaß. Das malerische Dorf wurde in mehreren „Etagen“ auf einer Seite der Schlucht an den steilen Hang geklebt. Noch einmal sprinten wir. Allerdings mehr vertikal als horizontal. Rauf-runter-rauf-runter. Schön anstrengend. Genauer gesagt, schön & anstrengend.

Foto: Beim Sprint in Dol geht es vor allem in eine Richtung

Und sportlich? Wer nach 4 Tagen noch in der Wertung ist, gehört in manchen Altersklassen zu einer Minderheit. Renate [D55-] etwa kommt gut ohne Fehlstempel durch und erhält für den 2. Platz eine der schönen Medaillen aus Stein. Babsi [D45-] hingegen schafft das Kunststück, 3 von 4 Etappen zu gewinnen und in der Gesamtwertung nur den 4. Platz zu erreichen.  

 

Foto: Renate mit Steinschmuck

Wir verlassen Postira. Im Gegensatz zu dem alten Fischer, der vor unserem Hotel in seinem kleinen Boot steht und mit langsamen, aber sicheren Handgriffen eines seiner Netze flickt. Es scheint, als hätte er alle Zeit der Welt. Im Gegensatz zu uns. Wir sind über die gewundene Küstenstraße die 6 Kilometer nach Šupetar gefahren. Unsere Autos stehen im Hafen in der blechernen Warteschlange. Ich sitze am Kiesstrand, plansche mit den Füßen im Meer. In 25 Minuten legt die Fähre nach Split ab und wir das Sommer-Gefühl. Das ist klar. Glasklar.       

 

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