Flucht in die Karibik
Mal ganz abgesehen von Novembernebel und Dezemberkälte. Wahrscheinlich ist es ist besser, auf den Fußsohlen das Knirschen des Sandes als das Knirschen von Popcorn zu spüren. Ganz sicher ist es besser, paradiesische Inseln und kristallklares Meer in Wirklichkeit zu sehen als auf der Kinoleinwand. So lautete von 29. November bis 06 Dezember 2025 das Motto „Flucht in die Karibik“ statt „Fluch der Karibik“. Die Namen der Hauptdarsteller an Bord eines großen Segelschiffes waren Renate, Axel & Lolli und nicht Keira Knightley, Johnny Depp & Orlando Bloom. Und natürlich waren auch OL-Posten im Spiel. Viele sogar.

Renate fasst die außergewöhnliche Orientierungslauf-Reise wie folgt zusammen: Ende November denken wir – das sind neben Axel, Lolli & mir auch Erik Adenstedt [Orienteering Klosterneuburg] und Philipp Haider [WAT] – ausnahmsweise noch nicht an den Advent mit traditionellen Gedächtnis-OLs, sondern fliegen Richtung Sonne. Die Motivation dazu ist unterschiedlich. Die einen sehen in der Caribbean O-Cruise die perfekte Möglichkeit die Anzahl der Länder mit OL-Wettkämpfen in kurzer Zeit auf den Österreich Rekord zu heben, andere reizt die Reise auf dem größten Segelschiff der Welt, oder es ist einfach die Aussicht auf Sonne, weiße Palmenstrände und Meer und das jeden Tag auf einer anderen Insel der kleinen Antillen.

Caribbean Orienteering – die Sprintserie besteht aus Stadtläufen auf Guadeloupe, Dominica, Martinique, Grenada, Saint Vincent (Bequia) und St. Lucia, mit zwei abschließenden Läufen auf Barbados. Wer rechtzeitig anreist, kann schon auf Antigua, dem Startpunkt unserer Reise, zwei zusätzliche OL-Wettkämpfe bestreiten und damit ein weiteres Land seiner Liste hinzufügen. Den ersten davon laufen wir bei English Harbour, einem Naturhafen, der früher als britischer Militärhafen gedient hat. Es ist der einzige “Wald-OL”. Dieser hat es auch gleich in sich: Umstellung auf 26-29 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit kombiniert mit fast 300 Höhenmeter in zum Teil sehr grünem Gebiet. Der Zielposten lässt aber alle Mühen vergessen: Postenstandort Unterführung am Sandstrand – das Meer in Greifweite.

Am nächsten Tag erwartet uns der erste Kontrast. Der Sprint im Hafen von St. Johns startet mit dem Hinweis des Organisators auf den Verkehr zu achten und so kämpfen wir uns Zick-Zack durch Autos in schmalen Gassen bis zu einem kleinen Park und zurück zum Hafen – Posten 13 erlaubt den ersten Blick auf unser zu Hause für die nächsten 7 Tage: Die Royal Clipper. Der erste Eindruck beim Einschiffen ist zumindest so imposant wie das tägliche Segel setzen beim Auslaufen. Immerhin 75% der 602 Seemeilen werden wir in den nächsten 7 Tagen nur mit Segeln zurücklegen. Knapp 200 Passagiere (in dem Fall 99% Orientierungsläufer) finden Platz auf dem 5-Master, 100 Mann umfasst die Crew. Täglich wird auf dem Schiff mehr Trinkwasser erzeugt als wir verbrauchen, daher muss die Royal Clipper in der gesamten Woche nur 1x direkt im Hafen anlegen, um Lebensmittel nachzuladen. Alle anderen Landgänge erfolgen mit Tenderbooten, die uns vom Ankerplatz etwas außerhalb der Bucht zu den teils sehr kleinen Häfen bringen.

Der nächste Sprint, nach einer etwas rauen Nacht auf See, zählt nicht zum “Länder-Score”. Wir befinden uns wieder in der EU: Terre de Haut, ist französisches Staatsgebiet auf einer kleinen Insel von Guadeloupe. Der Sprint ist 3,9 km lang, wenn man ein paar Fehler einbaut, genießt man dieses kleine und sehr ruhige Städtchen noch etwas länger. Rasch verlassen wir die EU wieder und laufen in neuen Ländern mit stets neuen Eindrücken: In Roseau (Dominica) nützt der argentinische Bahnleger (und Kartenzeichner) Gerardo Garcia einen riesigen Banyanbaum als natürliche Startbox. Seine Luftwurzeln haben sich fest im Boden verankert und fungieren so als zusätzliche Stützen und Nährstofflieferanten.

Von einer weiteren Seite lernen wir die Karibik in Grenada kennen. St. Georges ist eine sehr quirlige Stadt mit vielen steilen Straßen und entsprechenden Routenwahlen – wer sich einen einspurigen Tunnel mit Autos und Fußgängern teil, der spart viel Höhenmeter und Zeit. Darüber hinaus macht einigen von uns die 3. Dimension Kopfzerbrechen. Irgendwann, je nach Startzeit, zwischen Posten 1 und 5 öffnet auch noch der Himmel seine Schleusen und flutet die steilen Straßen und vielen Stiegen binnen Sekunden. Keiner kommt trockenen Fußes zurück aufs Schiff. Port Elizabeth auf Bequia ist nicht nur viel kleiner, auch beschaulicher, mit bunten Läden und Lokalen. Wenn auch nicht so schwierig, so gibt es dennoch ein paar Möglichkeiten, nicht die schnellste Route zu finden. Einmal mehr ist es der Postenstandort Bibliothek, der zu Verwirrung beiträgt. Im Ziel entscheiden Sekunden die internen Österreicher-Duelle.

Zwischen den Läufen haben wir Zeit für spontane Erkundungen des Landesinneren um ein bisschen Regenwaldflair zu schnuppern oder für Wanderungen zu Buchten mit wunderschönen Stränden. Auf dem Boot steht Mastklettern genauso auf dem Programm wie Besichtigung des Maschinenraums oder Sternenkunde. Die Frühaufsteher unter uns bestaunen den Sonnenaufgang im Netz direkt am Bug des Schiffes liegend. Wer ein Adlerauge hat und flink ist, kann auch springende Delphine beobachten. Spätestens bei Umrundung der Royal Clipper bei voll gehissten Segeln (das sind immerhin 42 Stück!!) denkt man an “Fluch der Karibik”, auch wenn uns Johnny Depp dann doch nicht begegnet ist.

Während wir vor Grenada vor Anker liegen, absolvieren wir noch einen ganz besonderen Lauf: Ein “Inship”-OL auf den 5 Ebenen der Royal Clipper. Es gibt länderübergreifende Staffeln mit je 6 Läufern, Erik und Lolli gehen fulminant in Führung, dann erweist sich die Sprint-Staffel jedoch als die längste bisherige der Beiden – nach über 2 Stunden kommt der letzte Läufer der Sieger-Staffel ins Ziel – über die Anzahl der Stufen und der falsch gegangenen Gänge zwischen den Kabinen schweigt die Chronik. Letztlich bleibt die Frage, ob dieser OL-Wettkampf wohl auch als “neues” Land zählt, wo doch die Royal Clipper unter Maltesischer Flagge fährt?

Bevor wir auf Barbados wieder an Land gehen ziehen wir Resümee: In der Karibik ticken die Uhren ein bisschen langsamer, so funktioniert der Air auch erst am 3. Tag, organisiert wird spontan, aber immer top! Bis inkl. 55- läuft man auf der H21 Strecke mit und wer sich bei den Läufen noch nicht im Sperrgebiet befunden hat, der hat dies beim Segel setzen geschafft und ist für “das beste Foto” dem Käpt’n in die Quere gekommen.

Mit Barbados kommt Land Nr. 60 auf Lollis OL-Wettkampfliste (wohlgemerkt ohne Malta), der Österreich-Rekord ist schon in Domenica mit Nr. 55 gefallen. Mit den letzten beiden OLs auf dieser deutlich touristischeren Insel endet die Caribbean O-Cruise so wie sie begonnen hat: mit einem Zielposten direkt am weißen Sandstrand!


