Berichte

Andere Länder, andere Sitten

Am 01. Jänner 2026 hat nicht nur das neue Jahr, sondern auch die beliebte City Race Euro Tour begonnen. Nachdem Babsi, Boris & Lolli zuletzt bei Tourstop Nummer 5 quer durch München liefen, lernten Marina, Anna, Serge & Tim von 05. bis 07. Juni 2026 in Bukarest zwei Dinge. Erstens: mit Hilfe von Karte, Kompass und SI-Chip die rumänische Hauptstadt näher kennen. Zweitens: Der Spruch „andere Länder, andere Sitten“ stimmt. Wie Marina in ihrem Bericht vermittelt.

Wir haben uns relativ spontan entschieden, nach Rumänien zu fliegen. Weniger touristische Länder zu erkunden, macht mir in der letzten Zeit mehr Spaß als bekannte Ziele zu bereisen. Und es lohnt sich jedes Mal. Auch, wenn mich einige Momente in Bukarest gedanklich 20-30 Jahre zurückgeworfen haben. Das EU-Land Rumänien ist eine spannende Mischung. Einerseits hat es ein modernes Erscheinungsbild (Flughafen, Straßenqualität, Ideen bei der OL-Wettkampforganisation), andrerseits erinnert es mich mit herzzerreißender Ähnlichkeit an  meine Kindheit in der Sowjetunion (Plattenbauten und ihre die Höfe, kleine Geschäfte, breite Boulevards, traditionelle Speisen, Bekleidung, Qualität der OL-Karten).

Wir sind pünktlich in Bukarest gelandet und zum WKZ der ersten Etappe – einem Sprint – gekommen. Die Vorfreude war groß. Diese wurde allerdings ziemlich bald von ohrenbetäubendem Lärm gedämpft: in der Arena, im Bereich des Nationalstadions und des großen Parks fuhren gerade Rennautos um ihr Leben. Es war so laut, dass wir einander beim Reden kaum gehört haben. Gott sei Dank wurde der Start zu unserer ersten Etappe um 2 Stunden verschoben, da das Ziel direkt in der Arena – wo die Rennautos gerade brummten – sein sollte. Wie wir ohne Gehörschaden diesen Abend überlebt haben, weiß ich nicht. Auf jeden Fall rasten die Autos auch 2, 3, 4 Stunden später immer noch durch die Gegend. Wir es zu dieser Terminkollision gekommen ist, blieb ein gut gehütetes Geheimnis der Veranstalter. Das Gefühl, dass sie das selbst nicht wussten, blieb. Alle Orientierungsläuferinnen und Orientierungsläufer haben aber einen lockeren Eindruck gemacht. Auch, als die (netten, geduldigen und hilfsbereiten) Organisatoren „grünes Licht“ für unseren Start gegeben haben, trotz des Autorennens. Ich hatte ein mulmiges Gefühl: Serge sollte Herren10 allein laufen… Und wie sollte das mit dem Zielanlauf gehen, wenn der in der Stadion-Arena ist? Der Präsident des rumänischen OL-Verbandes selbst versprach mir, dass die kleinen nicht in die Arena laufen werden und bot sogar seine Hilfe an, unseren Sohn beim Laufen zu beschatten. Ich war sehr froh darüber, da es sich auch herausgestellt hat, dass die viele kleine Höfe, durch die man rennen musste, denen in Russland sehr ähnlich waren. Viele Autos parkten ein, parkten aus, fuhren langsam, aber doch, kreuz und quer herumfahren.

Ich selbst ließ mich durch den höllischen Motorenlärm zu zwei großen Fehlern verleiten. Auf der Karte im Maßstab 1:4000 sah ich zwei kleine Durchgänge einfach nicht. Damen/Herren Elite, Damen/Herren ab 40 und Damen/Herren ab 15 haben an diesem Tag dieselbe Bahn. Als wir am nächsten Tag erfahren, dass Anna bei diesem World Ranking Event den 6. Platz belegt, bin ich sehr stolz! Warum erst am nächsten Tag? Alle Teilnehmer haben blitzschnell nach dem Zieleinlauf das Gelände verlassen, um ihre Ohren zu schonen. Also gab es die Siegerehrung für diesen Stadtsprint erst am Samstag.

An diesem Tag liefen wir Etappe 2, eine urbane Mitteldistanz in der Bukarest Altstadt. Die Ohren haben sich über die Nacht gut erholt. Alle im WKZ waren gut gelaunt. Das Wetter hat gepasst. Zunächst ging es einen Kilometer zum Start durch enge Gassen und entlang von schönen Gebäuden, Skulpturen und Kirchen. Da haben wir noch gar nicht gewusst, dass wir das Ambiente in der Startquarantäne und die pralle Sonne mindestens 1 Stunde länger „genießen“ würden. Die Polizei, die die große, zu überquerende Straße direkt beim Start sperren sollte, war einfach nicht erschienen. Etliche Anrufversuche des Organisationsteams  endeten mit „Bitte warten sie, wir haben keine weiteren Infos“. Wie am Vortag, hat sich die Situation auch nach dem langen Warten nicht geändert. Es wurde entschieden, alle auf eigenes Risiko starten zu lassen. Die Oranjes (Organisatoren in orangenen T-Shirts) haben dabei selbst versucht, das Verkehr zu stoppen, wenn Läuferinnen & Läufer die Straße überqueren mussten, was teilweise nicht ohne Herzrasen anzusehen war. Auch am 2. Tag war ich beim Start schon verwirrt, megadurstig und genervt. Folge: ein 90 Grad-Fehler. Schwacher Trost: das ist vielen durstigen und verwirrten OL‘ern passiert. Mit viel Mühe konnte ich mich zusammenraufen und meinen Lauf dann durchaus ordentlich weiterführen. Nicht so Anna, die vom Startteam in die falsche Richtung zum Startdreieck geschickt wurde und später bei einem ihrer Posten verwirrt war: der Posten war an falscher Stelle auf der Karte eingezeichnet. Beim kurzen Spaziergang danach konnten wir die Sehenswürdigkeiten Bukarests im niedrigeren Tempo betrachten und uns vor dem herausfordernden Nacht-OL ausruhen.

Der Nacht-OL fand im Park um den National Children’s Palace statt, zum Glück nur 10 Gehminuten von unserem Quartier entfernt. Die Laune war wieder gut!. Diesmal gab es keine lauten Rennautos, Polizei war auch nicht notwendig, Trotzdem wurde der Start um 30 Minuten verschoben. „Tradition“ muss sein. Diesmal war das Licht schuld: Zum Zeitpunkt der ausgeschriebenen Nullzeit um 21:30 Uhr war nicht dunkel genug. Von der Startboxen bildeten sich lange Schlangen. Kurz zweifelte ich daran, es bis Mitternacht ins Rennen zu kommen. Nach einer kurzen flotten Runde im Park gab es einen Kartenwechsel – und es ging ab ins Gebäude. Tim musste ab da aufgeben. Ich war auch sehr nah dran: Es ging verteilt über 5 Ebenen. Vom Keller über Erdgeschoss und Mezzanin bis in den zweiten Stock.  Mir wurde bewusst, dass ich schon länger nicht mehr im Theater war: das Mezzanin habe ich über 17 Minuten gesucht! Verzweifelt spazierte ich zum Zielbereich, holte Anna und bat sie mir zu helfen. Bei Siegerzeit von 25 Minuten habe ich 51 gebraucht. Ich wusste im Ziel nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Die supercoole Nacht-OL-Siegerehrung auf der Theaterbühne, wo unsere Kinder geehrt wurden, hat mich von meinem Desaster am Ende abgelehnt.

Sonntag. Ich stehe sehr früh auf und fahre sehr angespannt ins WKZ. Es wartet noch einmal ein Mitteldistanz-Stadtlauf. Meine Startzeit ist 9 Uhr 03. Ich bereite mich auf folgende mögliche Problemstellungen vor: „Überflutung des Sees“, „Wildes Tier auf der Flucht“, „Parksperre wegen dringender Umbauarbeiten“. Beim Aussteigen aus dem Taxi Ich halte mein Handy bereit, um meine Familie über die zu erwartende Verschiebung von mindestens einer Stunde zu benachrichtigen. Aber, oh Wunder, es wird pünktlich gestartet! Die lustigen Oranjes scherzen: „No police, no cars today“, wir alle lachen mit. Ich genieße den Lauf im schönen Park um den See, obwohl schon ordentlich müde. Die Sprint-Karte wirkt wie aus einem anderen, vergangenen Leben: Maßstab 1:5000, verschwommene Linien und teilweise fehlende Objekte wie Treppen.

Der Höhepunkt war die abschließende, grandiose Siegerehrung. Die Veranstalter gaben sich dabei viel Mühe. Mit Musik, Volkstanz, schönen Medaillen und Preisen, Profimoderation etc. Viele Passanten haben zugeschaut und applaudiert. Es war eine gute Werbung für den OL-Sport. Unter dem Strich will ich diese Reise nicht missen. Es war wie es war. Es war eine neue interessante Erfahrung. Die Menschen machen das Leben aus. Und die waren perfekt: nett, bemüht, hilfsbereit, geduldig & kinderfreundlich. Ich denke, ich würde gerne wieder nach Rumänien, aber dann vielleicht zu einem Wald-OL reisen. Angeblich soll es in Transsylvanien sehr schön sein.