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Der Einäugige unter den Sehenden

Wenn ein österreichischer Orientierungsläufer bei den großen, prestigeträchtigen und bedeutendsten Staffel-Rennen der Welt in Skandinavien stark läuft, dann hat er in Schweden und Finnland in einer Nacht möglicherweise mehr TV-Zeit als daheim in einem Jahr. Nico bestätigt am 13. und 14. Juni 2026 bei der Jukola in Finnland nicht nur diese These, sondern noch eine zweite: man kann auch der Einäugige unter den Sehenden sein.

Heuer mobilisiert der traditionsreiche Staffel-Wettkampf Jukola die Massen am 13. Juni 2026 in Kotka im Süden Finnlands. Vor diesem OL-Festival kann niemand die Augen verschließen. Mit dem Ende der Dämmerung beginnt das Stirnlampen-Spektakel. Pünktlich um 23.00 Uhr wetzen Nico und knapp 1.900 andere Startläufer los und stürmen in den finsteren Wald. Unser Sprint-Staatsmeister im Trikot seines schwedischen Klubs OK Pan Kristianstad kommt gut ins Rennen.  

Auf einmal ändert sich die Situation dramatisch. Sie geht nämlich ins Auge. Und man kann festhalten: Nico hat es nicht kommen sehen. Der Schlag auf sein Auge, der ihm von einem Ast versetzt wird, kommt ebenso unvermittelt wie heftig und führt zu einer weiteren Verdunkelung von Nico’s Welt:

Findest du Nico mit Startnummer 44 ?

Ich habe zunächst 20 Sekunden lang gar nichts gesehen auf dem Auge. Danach kam das Bild langsam zurück, aber ich hatte große Probleme beim Einschätzen von Entfernungen. Ich habe nicht genau gewusst, wo der Waldboden wirklich beginnt. Auch das Kartenlesen war zunächst schwierig.“

Es wird nicht nur besser. Es wird sogar gut. Aber alles der Reihe nach. Nico muss nicht nur kurz stehen bleiben, um sich neu zu orientieren. Er muss auch, um Posten 2 zu stempeln, einen Fehler korrigieren und einige Meter gegen den Strom der Athleten zurück laufen. Und damit vor allem gegen den Strom, der ihn in Form von grellem Stirnlampen-Licht blendet und das verletzte Auge reizt. Der Zeitverlust beträgt fast 2 Minuten, bei der ersten Zwischenzeit nach 3 Kilometern weist die TV-Grafik OK Pan Kristianstad auf dem 118. Platz aus. Jetzt heißt es Augen auf und durch. Aber Nico gewinnt immer mehr Sicherheit zurück, und auch Positionen. Einen Gegner nach dem anderen kann er überholen. Nach 8 Kilometern hat er sich schon auf den 37. Platz vorgearbeitet. Jetzt machen viele, die diese Aufholjagd beobachten, große Augen. Und plötzlich ist er auch prominenter Teil der LIVE-Übertragung. Bei Km 10 sticht das gut erkennbare orangefarbene Kristianstad-Trikot ins Auge der TV-Zuseher, Nico ist Fünfter (!!), nur noch 1 Minute hinter der Spitze. Er ist quasi der Einäugige unter den Sehenden. Denn wenn du bei der Jukola an der Spitze mitlaufen kannst, bist du kein Blinder.

Im Rennen bekommt unser Heeressportler von seiner Top-Position nichts mit. Er weiß nicht, wie weit vorne er liegt. Als sich Nico nach 70 Minuten wieder der Arena nähert, hofft er auf Hinweise durch die Stadionsprecher, die man im Wald hören kann:

Ich habe darauf gewartet, dass sie Kasper Fosser als Führenden in der Wechselzone ankündigen. Aber das ist einfach nicht passiert.“

Was unser Nationalteamläufer eben nicht weiß, ist, dass der norwegische Star nur rund 60 Sekunden vor ihm unterwegs ist. Auch wenn er die Spitze nicht sieht, er verliert sie nicht aus den Augen. Erst als unser Pan Kristianstad-Legionär nach 80 dauerverregneten Wettkampfminuten, mit 13 Kilometern in den schnellen Beinen, am 14. Juni 2026 um 00:20 Uhr in die Arena kommt und auf den Leinwänden die LIVE-Bilder sieht, erkennt er, dass er ganz vorne mit dabei ist. Nico übergibt auf dem großartigen 7. Platz an seinen Teamkollegen: „Je länger das Rennen gedauert hat, desto besser ist es mir gegangen. Es war technisch und physisch eine sehr gute Leistung“. 

Die erste Freudenfeier findet beim Arzt statt. Die Erste Hilfe-Station in der Arena ist – dem Anlass mit 19.000 Läuferinnen und Läufern entsprechend – ein Feldspital. Nico wird gut versorgt und kann hoffentlich schon bald wieder die nächsten Rennen ins Auge fassen, besser noch in zwei Augen. Und auch vor dem Endergebnis von OK Pan Kristianstad muss man die Augen nicht verschließen: 36. Platz, Respekt.