Im Reich der wilden Tiere
Kinder der 1970er & 80er können sich vielleicht erinnern. „Im Reich der wilden Tiere“ war eine weltweit beliebte, amerikanische Fernseh-Serie mit 18 Staffeln. Jahrzehnte später werden Erinnerungen wach, denn das Bulletin des Cyprus-Orienteering-Festivals von 17.-22. März 2026 rund um Larnaca & Nikosia liest sich wie eine Inhaltsangabe der legendären Natur- und Tierdokumentation. Andrerseits klingt die Einladung zu den 5 Läufen im Inselparadies noch viel verlockender als Warnungen vor Macrovipera lebetina und Co. Also entschieden Livia, Conny, Babsi & Boris: Da müssen wir hin.

Wir wundern uns schon vor dem Abflug. Das Bulletin verrät uns nicht nur alle wichtigen Informationen rund um Treffpunkte, Bahnlängen & Buffetpreise, sondern beschäftigt sich auch mit Sandbienen, Schlangen, Prozessionsspinnern und der Maul- & Klauenseuche. Nach 2 Stunden und fünfundvierzig Minuten landen wir in Larnaca an der Südküste Zyperns, allerdings erst im zweiten Versuch. Der Pilot spricht von „problems on the runway“ als Grund für sein Durchstarten an. Bei Sonnenschein und 20 Grad beruhigt sich unser Puls rasch. Herrlich. Ein erster Ausflug führt uns an den südöstlichsten Zipfel der Insel. Kap Greco fasziniert uns mit seinen schroffen Klippen mit ihren Felshöhlen, dem kristallklaren Wasser und der wilden Schönheit der Landschaft. Eine kleine, weißgetünchte Kapelle mit blauen Türen und Fensterläden zeigt uns, in welchem Teil Zyperns wir uns befinden. Am nächsten Tag erforschen wir erstmals das Reich der wilden Tiere.

Achtung vor Sandbienen! Warum eigentlich. Sandbienen sind nicht aggressiv und außerdem ist ihr Stachel so weich, dass er die menschliche Haut nicht durchdringen kann. Schau, Sandbienen, süß! Wir können sie direkt im Wettkampfzentrum der Etappen 1 und 2 im Aettomouti Forest beobachten.

Klar, dass es den Bienen hier so gut gefällt. Der offene Wald riecht nach Thymian, Lavendel und Spargel. Auf den Wiesen blühen Frühlingsorchideen. In vielen engen Rinnen und idyllischen Bachbetten sprudelt kein Wasser. Die zahllosen Hügel sind von Felsformationen aller Größen durchsetzt. Vor lauter Begeisterung & technischer Überforderung kann aus einer Mitteldistanz ganz schnell eine Langdistanz werden. Was für ein Auftakt.

Achtung vor den Pinien-Prozessionsspinnern. Bevor sie zu Schmetterlingen werden, legen die Raupen in den Ästen von Kiefern gemeinsame Gespinste an. Diese Nester können bis zu 30cm groß werden. Die Raupen haben nesselnde, giftige Brennhaare, die Raupendermatitis auslösen können. Manchmal auch einen allergischen Schock. Das wird ja immer schöner! Wie der Wald und die Natur. Am zweiten Tag laufen wir wieder im Aettomouti Forest. Allerdings weiter östlich, dort, wo das Gelände flacher, aber ebenso aufregend ist. Die schönsten vieler schöner Postenstandorte befinden sich in einer romantischen kleinen Schlucht, durch die ein namenloser Bach blubbernd seinen Weg sucht.

Achtung vor Schlangen! Sie sind da, auch wenn du sie wahrscheinlich nicht sehen wirst. Und giftig ist eh nur die bis zu einem Meter lange Levanteotter aus der Familie der Vipern. Die gute Nachricht: diese Schlange greift nur an, wenn sie provoziert wird. Sonst stellt sie sich lieber tot. Klingt ja total beruhigend. Für uns wäre am dritten Tag in Delikipos totstellen zwar eine Option, ist aber auf dem harten Weg ins Ziel auch keine Lösung. Man würde ein weiteres OL-Erlebnis verpassen. Die Hügel sind größer, der mediterrane Kiefernwald teilweise schwieriger belaufbar. Oliven- und Johannisbrotbäume stehen in der Gegend herum. Wieder bleibt uns die Luft weg, nicht nur wegen der Anstrengung.

Achtung vor einer Gefängnisstrafe! Wer durch Felder geht oder läuft und Gerste oder Weizen zerstört, dem drohen hohe Geldstrafen und bis zu drei Jahren Haft. Und auch das Pflücken von Wildblumen ist streng verboten. All dieser Vergehen könnte man sich am vierten Tag schuldig machen.

Ein kleiner Teil des Laufgebietes zwischen Sia und Mathiatis ist Ackerland. Von den offenen Hügeln mit steilen, detaillierten und felsigen Flanken hat man einen guten Blick auf den Felder-Fleckerlteppich. Auch in diesem technisch anspruchsvollen, wunderschönen Gelände kann man leicht mehr Aha- als Erfolgserlebnisse haben. Aus dem Staunen über diese Landschaft kommen wir so schnell nicht heraus.

Nicht gewarnt wurden wir vor dem Umstand, dass Zypern die Insel der wilden Katzen ist, obwohl es keine Wildkatzen gibt. Angeblich rund eine Million verwilderte Hauskatzen streunen durch die Dörfer und Städte. Und die Menschen kümmern sich, versorgen die Vierbeiner mit Nahrung und Schlafmöglichkeiten. Gleich neben unserem Hotel in Larnaca wurde ein kleiner Park zu einem Katzenhotel mit Plastik- und Holzappartements und Vollpension umgewandelt. In Nikosia haben es einige Katzen sogar bis in die Schaufenster in der Fußgängerzone geschafft, um sich von den Anstrengungen des Tages zu erholen. Wir übersiedeln am fünften Tag in die letzte geteilte Hauptstadt der Welt und laufen kreuz und quer durch die Altstadt von Nikosia, immer hart an der Grenze. Nach dem spektakulären Finale erholen wir uns von den Anstrengungen des Tages bei einem Spaziergang mit Passkontrolle. Der einsetzende Regen macht den türkisch besetzten Nordteil der Altstadt noch ein wenig trostloser. Beeindruckend ist vor allem die große Moschee. Vor der Teilung der Stadt und der Insel war sie die größte Kathedrale der Stadt.

Achtung vor Gefahren! Rätselhaft bleiben auch manche Verbotsschilder aufgrund ihrer englischen Übersetzungen. Im Hafen von Pafos ist es „unnecessary people“ verboten, die Bootsstege zu betreten. Klingt interessant, aber immer noch besser, als wenn in Albern jemand wienerisch rufen würde „Heast, Unnediga, schleich‘ di“. Am Kap Greko wird dafür darauf hingewiesen, dass beim Sturz von den Klippen „persons has lost their livers or got injured“. Daraus ist zu schließen, dass sie überaschenderweise ohne Leber überlebt haben dürften. Da hat es uns auch nicht gewundert, dass in unserem Hotel „Wassermelonen verboten sind“, ganz ohne Übersetzungsfehler. Einfach so. Das Zeug klebt und macht Flecken.

Achtung vor der möglichen Suchtgefahr! In zwei Jahren wird es das Cyprus-Orienteering-Festival wieder geben. Dann rund um die Stadt Pafos mit ihren Stränden und der riesigen römischen Ausgrabungsstätte, die wir auch besucht haben. Die Chancen stehen gut, dass wir wieder kommen. Denn die 6 Tage auf Zypern haben uns begeistert, wie auch der lebende Pelikan, der seine Rolle als Türsteher vor dem gleichnamigen Lokal an der Promenade von Pafos würdig erfüllte. Wir rätseln seither, ob er angeklebt war, angekettet war er nicht.

Zusammenfassend ist festzuhalten: Das rüstige Veranstalter-Team hat uns den Teppich ausgerollt. Sportlich und organisatorisch quasi den roten, und dazu auch den Seuchenteppich: Nach jedem Zieleinlauf stand eine kleine Wanne bereit, um die Schuhe zu desinfizieren. In Zypern breitet sich seit einigen Wochen die Maul- & Klauenseuche aus, mit strengen Maßnahmen wie tausenden Impfungen möchte man die Epidemie eindämmen. Sonst würden Kuh und Schaf mit Schaum vor dem Mund leider auch noch ins Reich der wilden Tiere passen.


